Frankfurter Allgemeine Magazin Heft 125 / Juli 1982 - Pigmente
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Frankfurter Allgemeine Magazin Heft 125 / Juli 1982 - Pigmente

Titelbild: Kein Reim läßt den Sommersprossen mehr Gerechtigkeit widerfahren als jener vom Jüngling der so verschossen ist in die kleinen bräunlichen Dinger. Kaum  brennt die Sonne sommerlich kräftig vom Himmel, schon blühen die Pigmente: Rotblonde wissen ein Lied davon zu singen

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Original Inhaltsbeschreibung:

  • Über Leute
  • Punkt für Punkt ein Signal: Rolf Heggen
  • Die Sommersprossen: Fotos Joel Meyerowitz
  • Teufelsglocke, Waldschelle, Fuchsmusik: Marianne Beuchert
  • Der Fingerhut: Fotos Marion Nickig, Edward Steichen
  • Fragebojen: Hans Hellmut Kirst
  • Kalender der Woche
  • Schach: Roswin Finkenzeller
  • Matchbox: Kreuzwort, Ortstermin, Streichholzspiel
  • Titel

Elle und Fingerhut oder viel Kraft fürs Herz:

Warum soll ein Hülfsmittel der Druckerzeugnis nicht ein Druckerzeugnis wie dieses zieren? Das eine versucht die Kraft von Wort und Bild auf die Fläche Papier zu bringen, jene fünf Fingerhüte helfen nach der Formel Druck gleich Kraft durch Fläche einen gerade-zu ungeheuren Nachdruck aus Unterarm und Finger konsequent auf die Nadelspitze zu treiben, statt hinein in die Fingerkuppe, durch die Nadel samt Nadelöhr eher gingen als durch den Reibungswiderstand festen Gewebes. So gehört „ein ellen und ein fingerhut" von jeher zum Rüstzeug der Schneider, das eine zur Abwehr von Renitenz der Lehrlinge, das andere „zur Abwehr der Nadelstiche", wie all jene nachlesen können, die mit dem Fingerschutz nichts am Hut haben. Manche Frauen können eben damit nicht umgehen, treten die billigsten Exemplare gern dem jazzenden Sohn für seine Waschbrett-Ratsche ab und sammeln die inzwischen kostbar gewordenen Kuppenkappen lieber. Ihnen hätte man allerdings einst im fleißigen Schwaben oder in Westfalen, sofern sie dort als Wöchnerinnen verstorben wären, kein Nähzeug samt Fingerhut mit ins Grab gegeben. Schöne Stücke sind so unter die Erde gekommen, ein Gedanke, der deshalb gelegen kommt, weil er vom offiziellen Fingerhut zum offizinellen führt. Der nämlich kommt aus der Erde! Und er blüht in diesem Heft. Er wird mehr als einen Meter hoch und entwickelt als ausgesprochener Hochstapler unter den Blütenpflanzen, den nur noch die Königskerze in den Schatten stellt, ebenfalls eine Menge Kraft als Fingerhut. Alle seine Teile sind auf heilsame Weise giftig, am meisten die Blätter. So kommt der Fingerhut mit seinen zu Herzen gehenden Eigenschaften auch auf zahllose Krankenblätter, wenn nämlich Digitalis, so auch sein lateinischer Name, in irgendeiner offizinellen, also Apothekenform, ins Blut kam und einem kranken Herzen mehr Schlagkraft gab. Doch ehe man von dieser heilsamen Wirkung des Fingerhutgiftes überzeugt war, mußte mancher dran glauben, wenn auch das üppige, bei uns rote Braunwurzgewächs erst sehr spät für die „Dreckapotheke" der Volksmedizin gesammelt wurde: „Der Puls wird unzählbar, unter Verschwindung alles Schlafs, alles Appetits, aller Kräfte — eine sichere Leiche — abgeschlachtet; keiner von diesen (falsch Behandelten) entrinnt dann dem Tode, wenn er nicht in unheilbaren Wahnsinn geräth." So warnte Hahnemann, der Begründer der Homöopathie, 1810. Fünfzig Jahre später noch starb in Paris der Couty de la Pommerais, dem ein „Freimacher" in mordlustiger Absicht binnen vier Tagen siebzehn Gramm Digitalispulver zu schlucken riet. Ein paar Fingerhüte voll!

Udo Pini

Heft Nr. 125 in der 29. Woche vom 23 Juli 1982

Seitenanzahl: 23 Seiten

Sprache: Deutsch



FAM-DE.1982.nr.125

Eigenschaften von diesem Artikel

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