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Frankfurter Allgemeine Heft 145 / Dezember 1982 - Kinderpuppe
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Frankfurter Allgemeine Heft 145 / Dezember 1982 - Kinderpuppe

Titelbild: Auf der Wartebank für den Auftritt im Schaufenster: Kinderpuppe 1914

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Original Inhaltsbeschreibung:

  • Über Leute
  • Tennis ohne Posen und Possen: Rolf Heggen
  • Bettina Bunge Fotos Ralf Schultheiß
  • Die Kehle von Paris trocknet aus: Bercy Wilfried Wiegand, Fotos Serge Cohen
  • Zur Schau gestylt, zur Schau gestellt: Schaufensterpuppen Udo Pini
  • Waren-Welt: Über die Bildplatte Horst-Dieter Ebert
  • Kalender der Woche
  • Fragebogen: Walther Leisler Kiep
  • Schach
  • Matchbox: Kreuzwort, Ortstermin, Streichholzspiel

A votre sante oder Kein Problem für die nordischen Völker

Fürst Bismarck war ebenso eisern wie trinkfest. „Wir nordischen Völker“, dekretierte er fast nüchtern, „bedürfen eines Aufgusses. Die Ungarn und Spanier und die andern da unten kommen schon halbbenebelt zur Welt. Wenn sich aber der Deutsche seiner Kraft recht bewußt werden soll, dann muß. er erst eine halbe Flasche Wein im Leibe haben, oder besser noch eine ganze.“ Da bleibt kein Korken trocken. Das frühe Beispiel der höheren Reblaus-Geographie lehrt allerdings, daß man nur auf den Nachbarn zu schauen braucht, wenn die Rede auf den Alkohol kommt. Die Blutprobe aufs Exempel liefert uns freundlicherweise seit Bismarcks Zeiten der stille Zecher über dem Rhein. „Une Maladie Nationale, l’Alcoo lisme“ hieß eine fünfteilige Artikelserie in „Le Monde“ vor zehn Jahren, aber Frankreichs Problem mit dem Geist im Glase ist natürlich sehr viel älter. Unsere feucht-fröhlichen Archiv-Aufzeichnungen reichen zurück bis in die Anfänge der Dritten Republik, die - nach einer intensiven Dezenniums-Debatte — 1915 immerhin die Herstellung von Absinth verbot. Im Zweiten Weltkrieg untersagte Petain von Vichy aus mannhaft die Werbung für Aperitifs, nach 1945 mußte wenigstens den Besitz von zehn Obstbäumen nachweisen, wer steuerfrei Schnaps brennen wollte. So streng können Bräuche und Gesetze werden. Vor zwanzig Jahren kämpfte die alternde Regierung Debre gegen neue Bistros in Friedhofs- und Kirchennähe, vor zwei Jahren begegnete Giscard d’Estaing der, wie er fand, „größten sozialen Plage“ des Landes mit einer Experten-Kommission, deren oberster Experte im eigenen Krankenhaus selbstverständlich Wein zum Essen kredenzte. Erschüttert stellte man fest, daß der, Durchschnittsfranzose mit jährlich siebzehn Litern reinen Alkohols in der gallischen Leber ganz oben herumhängt an der Spitze der Trinkerstatistik der zivilisierten Welt, daß im Jahr siebzigtausend Weinbeißer und Digestifschlucker auf ihr Spezielles das Leben opfern, aber daß in der Nationalversammlung eben auch mehr als zweihundert Promille der Deputierten aus Weinbaugebieten stammen, in denen das Trinken keine Sünde ist und möglichst keine werden soll. Da lobt sich der enthaltsame Franzose die Stadt Paris, die ihr berühmtes Wein-Quartier Bercy nun mit System verkommen läßt und ein Sportstadion an die Stelle des früheren Alkoholsumpfes zu bauen vorhat. Wilfried Wiegand schreibt in diesem Heft über das traurige Viertele, weil wir die Gesundheit fördern wollen — vor allem, wenn es sich um die des Nachbarn handelt.

Siegfried Diehl

Heft Nr. 145 / 49 Woche vom 10 Dezember 1982

Seitenanzahl: 46 Seiten

FAM-DE.1982.nr.145

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