Frankfurter Allgemeine Heft 23 / August 1980 - Ein Ur-Vieh
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Frankfurter Allgemeine Heft 23 / August 1980 - Ein Ur-Vieh

Titelbild: Was kratzt die Kartenhäuserkatze das Wunschbild vom Kätzchen: Sie bleibt ein Ur-Vieh

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Original Inhaltsbeschreibung:

  • Über Leute
  • Bewegt von der Macht der Bilder: Jens Priewe
  • Regina Ziegler und Wolf Gremm Fotos Susanne Esche
  • Alt wie die Gebirge: Brigitte Jeremias
  • Von Kätzchen, Katzen und Katern Fotos Pete Dine
  • Im Sommer kommt es in die Tüte: Eis Hans Scherer, Fotos Andre Reiser
  • Vom Genießen: Abseits von Stroganow Leo Wieland, Illustration Hans Hillmann
  • Kalender der Woche
  • Cartoon: ABC-Geschichten Hans Hillmann
  • Fragebogen: Robert Minder
  • Schach Rostyin Finkenzeller
  • Matchbox: Worum geht's?
  • Matchbox: Kreuzwort, Ortstermin, Streichholzspiel
  • Titel

Jedes Eis hat seinen Preis

Sommerschlußverkauf gibt es beim Eis nicht. Schon deswegen nicht, weil die Bundesbürger auch im Winter ihr Vergnügen daran haben.

So billig, wie Textilien in diesem Jahr schon vor dem Schlußverkauf zu haben waren, wird das Eis also auch im Herbst nicht werden. Es wird sogar immer teurer. Nicht wahr: das waren noch Zeiten, als die Kugel beim Italiener um die Ecke und in der Konditorei gegenüber einen Groschen kostete. Damals bezahlte man allerdings auch für einen VW-Käfer lediglich viertausend Mark.

Irgendwann kostete nicht nur das Boulevardblatt plötzlich fünfzehn Pfennig, sondern auch die Eistüte. Und so ging es stetig aufwärts (oder abwärts, wie man will): zwanzig Pfennig, dann hier und da fünfundzwanzig, in anderen Läden gleich dreißig Pfennig. Unerbittlich schreitet die Zeit voran, und wie es längst heißen müßte: „Wer den Groschen nicht ehrt, ist des Fünfmarkstücks nicht wert“, so schielt auch die Eiskugel schon auf die nächstgrößere Münze - das Fünfzigpfennigstück. Allerdings: Kenner (und in diesem Heft plaudert einer aus der Schule) wissen, daß nicht nur von Entwertung des Geldes, sondern auch von der besseren Qualität des Eises die Rede sein muß: Denn wie manche noblen Restaurants seit einiger Zeit dem Eis zugetan sind und nach Art der Spezialsalons mit farbigen Faltkartenlocken, so hat auch manche Eisdiele die Kunst der Herstellung verfeinert.

Das liegt nun wiederum daran, daß wir Nicht-mehr-Kinder uns nicht abfinden mögen mit dem Erwachsensein. Überall wollen wir noch ein Stück Kindheit aus der Wundertüte saugen. Längst wird ja auch die elektrische Eisenbahn eher für die Väter als für Söhne und Töchter gemacht. Wir wollen die Erinnerung und zugleich die Prise Luxus, die unser Zeitalter verheißt. So wird alles immer feiner und erlesener. Früher gab es einfach Eis, heute bietet man uns solches mit wirklichen „Gravensteiner Apfelstückchen“ oder „caramelisierten Baumnüssen“. Diese Restaurantware kostet dann allerdings auch mindestens eine Mark siebzig — pro Kugel.

Volker Hage

Heft Nr. 23 / vom 8 August 1980

Seitenanzahl: 31 Seite

FAM-DE.1980.nr.23

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